Neurodermitis (atopisches Ekzem)

ALLGEMEINES

 

Die Neurodermitis zählt zu den häufigsten chronischen Hauterkrankungen in den westlichen Industrieländern. 30-40% der Kinder sind betroffen und ungefähr 5% der Erwachsenen. Die Ausprägungsformen der Erkrankung können unterschiedlich sein. Immer liegt eine Veranlagung vor, die vererbt wird. Diese kann sich entweder in Form einer Neurodermitis, eines Heuschnupfens oder eines Bronchialasthmas äußern. Oft gibt es auch Kombinationen. So tritt das sog. atopische Ekzem bei ca. 11% der Patienten in Verbindung mit einem Heuschnupfen auf und bei ca. 17% der Patienten zusammen mit einem allergischen Asthma. Ist ein Elternteil betroffen, so werden die Kinder mit einer Wahrscheinlichkeit von 30% erkranken; sind beide Elternteile Atopiker, so erhöht sich die Erkrankungswahrscheinlichkeit der Kinder auf 70%. Die Zahl der Erkrankungen ist steigend, ohne dass man die Ursache letztlich kennt. Umwelteinflüsse und auch -schadstoffe werden dafür verantwortlich gemacht. Einige Fachleute diskutieren auch eine Unterforderung des Immunsystems, das sich nicht mehr so viel mit Infektionskrankheiten auseinandersetzen muss wie früher und deshalb auf äußere Reize verschärft und nicht adäquat reagiert.

 

 

ERSCHEINUNGSFORMEN UND SYMPTOME

 

Ob und wie sich eine Neurodermitis bei bestehender Veranlagung ausbildet, das hängt von vielen Faktoren ab, die individuell ein unterschiedliches Gewicht haben. Es handelt sich beim atopischen Ekzem um eine chronische Erkrankung, die in Schüben verläuft und mit oft quälendem Juckreiz einhergeht. Die Haut trocknet sehr schnell aus, hat weniger Talgdrüsen und auch eine dünnere Hornschicht als normal. Das alles führt dazu, dass die Haut ihrer Schutzfunktion nicht gerecht werden kann und empfindlicher gegenüber Reizstoffen wie z.B. Seife, Shampoo, Farbstoffe oder auch Wolle reagiert. Darüber hinaus ist ihre Abwehr geschwächt gegenüber Viren und Bakterien. Die durch das Kratzen entstandenen Wunden und Risse entzünden sich leicht. Eiterbläschen und Krustenschorf können die Folge sein. Entwickelt sich im Rahmen der Entzündung eine Blutvergiftung, so kann dies gefährlich werden. Es sei noch einmal hervorgehoben, dass das Ekzem nicht ansteckend und also auch nicht auf andere übertragbar ist. Meist zeigt sich die Neurodermitis bereits im Säuglingsalter zwischen dem dritten und zwölften Lebensmonat in Form von Milchschorf mit kleinen Hautknötchen, Bläschen oder Krusten an Wangen und Stirn oder aber mit dicken borkigen Schuppen auf der Kopfhaut. Auch der übrige Körper kann betroffen sein. Die Haut ist insgesamt trocken und an besagten Stellen schuppig. Auch verbirgt sich hinter so manchem "Windelekzem" eine beginnende Neurodermitis. Im Kleinkind- und Schulalter sind dann häufiger die Ellenbeugen und Kniekehlen befallen sowie Hals, Handgelenke und Waden. Die geröteten, dicken und schuppenden Stellen treten meist symmetrisch auf. Schübe mit quälendem Juckreiz und Hautschädigungen wechselnder Lokalisation verfolgen die Betroffenen bis ins Erwachsenenalter. Im dritten und vierten Lebensjahrzehnt überwiegen heftig juckende Knoten auf trockener Haut. Der Juckreiz lässt erst nach, wenn das Zentrum mit dem Fingernagel zerkratzt ist und jetzt der Schmerzreiz den Juckreiz überdeckt und als Signal das Gehirn erreicht. Viele Forscher sind heute der Meinung, dass der Juckreiz das eigentliche Symptom der Neurodermitis ist und erst das Kratzen zu den auffälligen Hauterscheinungen führt. Nach dem 40. Lebensjahr ändert sich bei vielen Patienten das Beschwerdebild, und nur noch 3 von 100, die als Kinder betroffen waren, leiden unter Hautveränderungen. Da aber sowohl die Veranlagung als auch die Sensibilität für auslösende Faktoren bleiben, sind Rückfälle immer möglich. Sie lassen sich nur vermeiden, wenn auch weiterhin auf eine besondere Hautpflege geachtet wird, wenn bekannte Auslöser vermieden werden und auch eine ausgeglichene Stimmungslage mit Erhalt des psychischen Gleichgewichts erreicht wird.

 

 

AUSLÖSENDE FAKTOREN

 

Hautreizung durch Putz-, Scheuer- oder Desinfektionsmittel, durch Wasch-, Dusch- oder Pflegemittel, durch Chemikalien oder sonstige Stoffe am Arbeitsplatz, durch Textilien, deren Farbstoffe usw. Allergene: Pollen, Stäube, Tierhaare, Nahrungsmittel oder deren Konservierungs- und Geschmacksstoffe, Infekte wie Grippe, Mandelentzündung, Virusinfektionen usw. Ganz wichtig: psychische Belastungen, Familien- oder Partnerprobleme, Ängste oder Überforderung in der Schule, am Arbeitsplatz, aber auch bei Freizeitaktivitäten, z.B. im Sport.

 

 

PERSÖNLICHKEITSSTRUKTUR DES NEURODERMITIKERS

 

Neurodermitiker sind besonders sensibel und reagieren feinfühlig auf zwischenmenschliche Dissonanzen. Sie sind ehrgeizig und neigen zum Perfektionismus. Überall wollen sie sich und den Mitmenschen beweisen, dass sie trotz ihres als Makel empfundenen Hautleidens leistungsfähig und überdurchschnittlich gut sind. Dies führt sie beruflich, in der Freizeit und auch im Familien- und Freundeskreis oft an die Grenzen ihrer psychischen Belastbarkeit. Sie fühlen sich im wahrsten Sinne des Wortes nicht wohl in ihrer Haut und geraten auch seelisch aus dem Gleichgewicht. Im zwischenmenschlichen Bereich haben sie Probleme bei Distanz und Nähe zu ihren Bezugspersonen und fordern unbewusst auf der einen Seite viel Zuneigung und Aufmerksamkeit, auf der anderen Seite aber auch viel Freiraum und Selbständigkeit. Das kann insbesondere auch im Verhältnis von Kindern und Eltern Probleme bringen und den Krankheitsverlauf negativ beeinflussen. Deshalb ist es so wichtig, dass gerade Eltern ihren Kindern Freiräume erhalten, sie nicht zu stark behüten und sie vor zuviel Verboten und Maßregelungen schützen. Die Stärkung des Selbstbewusstseins und des Selbstwertgefühls sind wichtige Voraussetzungen dafür, dass das Kind lernt mit seiner Krankheit zu leben und sich und seinen Körper zu akzeptieren. Es versteht sich von selbst, dass die Eltern ein hohes Maß an Zuneigung und Liebe aufbringen müssen, wenn sie ihr Kind auf dem Lebensweg begleiten. Alle sollten jedoch bemüht sein, nicht die Krankheit in den Mittelpunkt des gemeinsamen Lebens und Handelns zu stellen, sondern Ablenkung und positive Erlebnisse zu suchen, die die Hautkrankheit für einige Zeit verdrängen und in Vergessenheit geraten lassen.

 

 

BEHANDLUNGSMÖGLICHKEITEN

 

Allgemein:

Gute Reinigung mit geeigneten Präparaten und gezielte Pflege mit individuell ausgesuchten Mitteln (wäßrig-ölige Präparate in der Akutphase, rückfettende Mittel in der übrigen Zeit verwenden); Salben und andere Präparate zur äußerlichen Anwendung. Cortisonhaltige Mittel sollten dem Notfall vorbehalten bleiben, weil sie bei längerfristiger Anwendung zu Hautschäden führen können. Ganz zu verbannen sind sie aus der Behandlung aber leider nicht. Medikamente in Tablettenform (Antihistaminika), um den Juckreiz und die allergische Reaktion zu stoppen, Ermüdungserscheinungen können jedoch bei manchen Mitteln auftreten. Gamma-Linolensäure-Präparate sind in der Erprobung, in schweren Fällen werden erste Versuche mit Ciclosporin und Gamma-Interferon unternommen; die Ergebnisse bleiben abzuwarten.

 

Psychologische Maßnahmen:

Eine Auseinandersetzung mit der eigenen Person, Erkennung der eigenen Stärken und Schwächen sind unbedingt erforderlich. Oft hilft eine psychologische Betreuung, um sich selbst besser mit seiner Erkrankung abzufinden, mit ihr leben zu lernen und auch das Selbstwertgefühl zu steigern. Verhaltenstherapie, Entspannungstraining oder Stressbewältigungskurse bieten weitere Möglichkeiten, um mit kritischen Situationen, die das seelische Gleichgewicht stören, besser umgehen zu können. Vielfach ist bei Kindern eine Familientherapie und bei Erwachsenen eine Partnerberatung sinnvoll. Auch Musiktherapien oder musische Aktivitäten, die einen Freiraum zum Ausleben der eigenen Gefühle bieten, können Behandlungserfolge bringen. Die Anwendung fernöstlicher Meditationstechniken zur Selbstfindung seien hier ebenfalls erwähnt. Klimatherapie durch Aufenthalt im Reizklima von Nordsee oder Hochgebirge (über 1500 m). Hier heilen die Hauterscheinungen schneller ab; die Hornschicht verdickt sich und sorgt für einen besseren Hautschutz. Der radikale Klimawechsel stimuliert das körpereigene Cortisol, das einen positiven Effekt auf die Abheilung der Hautschäden hat. Pollen kommen weniger vor, auch sind die Milben im Hausstaub seltener. Am Meer bewirken die Kombination von Sonne, Wärme, Baden im Salzwasser des Meeres, frische Luft und Abhärtung bzw. Gewöhnung an kälteren Wind oft viel mehr als so manche Tablette. Hinzu kommt sicherlich der positive Effekt des Tapetenwechsels, der zu Ruhe, anderen Lebensgewohnheiten und vielleicht weniger Spannungen im Umgang miteinander Anlass gibt. Leider ist der Therapieerfolg aber zeitlich begrenzt. Häufigere Klimawechsel oder auch Sonnenbestrahlung zu Hause nach dem Schwimmen (allerdings ohne Sonnenbrand und mit ausreichender rückfettender Pflege) sind daher empfehlenswert.


Lichttherapie:

Diese eigentlich für die Behandlung der Schuppenflechte bestimmte Therapie führt oft auch bei Neurodermitikern zu einer Linderung der Symptomatik. Die sog. selektive UV-Therapie (SUP-Therapie) kann dazu führen, dass in den ersten Wochen der Juckreiz sogar zunimmt, bevor man eine deutliche Linderung spürt. Wird eine sog. UVAPUR- Behandlung durchgeführt, bei der nur langwelliges UVA-Licht für die Bestrahlung benutzt wird, so kann in der Regel sofort mit einer Abnahme des quälenden Juckreizes gerechnet werden. Die Entzündungsreaktionen der Haut werden weniger, die übrige Symptomatik ist rückläufig. Durch einen einmaligen Therapiezyklus ist jedoch keine dauerhafte Heilung nach den bisherigen Erfahrungen zu erzielen, auch wenn gelegentlich der Anschein erweckt wird.

 

Alternative Therapien:

Akupunktur hat sich in der Akutbehandlung der Neurodermitis schon oft bewährt. Eigenblutbehandlung, Eigenurintherapie und vieles mehr wird vorgeschlagen, sollte aber ebenfalls vorher kritisch hinterfragt werden. In unserer Praxis haben wir die besten Therapieerfolge mit einer Kombination aus Diät und Vitalfeld-Therapie erzielt, falls Allergene als auslösende Faktoren eine wesentliche Rolle spielen; wenn jedoch psychische Faktoren die Hauptursache für das Auftreten des atopischen Ekzems sind, kann eine diätetische und alternative Behandlungsmethode in diesem Fall nicht zu einer Besserung des klinischen Bildes führen.

 

Diät:
Es sei betont, dass es die Neurodermitisdiät nicht gibt, auch wenn dies oft den Anschein erweckt und viele Betroffenen zu großen Opfern und auch finanziellen Einbußen veranlasst hat. Häufig bleibt der ersehnte Erfolg nämlich aus. Eine Diät ist nur dann sinnvoll, wenn sie gezielt die Nahrungsmittel ausspart, gegen die auch tatsächlich eine Allergie besteht. Dies sollte getestet oder durch Auslassversuche bestätigt werden, auch wenn dies im Einzelfall schwierig sein kann. Nur so kann man dem Betroffenen falsche Diätvorschriften ersparen. Dies gilt besonders für Kinder, denen man unter Umständen eine ausgewogene vollwertige Ernährung vorenthält - mit der Gefahr, durch eine Mangeldiät oder einseitige Kost negative Folgen für Wachstum und Entwicklung zu riskieren. Auch der Verzicht auf jegliche Süßigkeiten aus diätetischen Gründen sollte genau überdacht und begründet sein, weil er einen deutlichen Einschnitt in die Lebens- und Genusswelt des Kindes darstellt und ihm vielleicht Opfer abverlangt, die vermeidbar wären. Es sei jedoch auch hier betont, dass der Verzehr von Süßigkeiten natürlich wie bei allen Kindern im Rahmen bleiben muss und nicht übertrieben werden darf. Besteht in der Familie eine Veranlagung für Allergien in Form von Heuschnupfen, Asthma oder Neurodermitis oder zeigt sich im Säuglingsalter vielleicht sogar Milchschorf oder eine empfindliche Haut, so sollte das Kind nach Möglichkeit über sechs Monate gestillt werden. Die Muttermilch enthält arteigenes Eiweiß, das beim Säugling im Gegensatz zur Kuhmilch und sonstigen Fremdeiweißen keine allergischen Reaktionen hervorruft. Darüber hinaus werden dem Säugling über die Muttermilch Abwehrstoffe zugeführt, die ihn über die Schwäche seines Immunsystems in den ersten Lebenstagen und -monaten hinwegbringen. Stillende Mütter sollten auf Stoffe und Nahrungsmittel, die allergisierend wirken können, weitgehend verzichten, um das Kind so zusätzlich zu schützen und das Sensibilisierungsrisiko des Kindes zu senken. Eine echte Nahrungsmittelallergie als Ursache einer Neurodermitis ausfindig zu machen, das ist sehr schwierig. Man muss zwischen einer echten Allergie, einer Intoleranz- (also Unverträglichkeits-) reaktion und einer zufällig zeitlich mit der Nahrungsaufnahme zusammentreffenden Symptomatik unterscheiden. Den Beweis können neben Allergietests nur gezielte Auslassversuche bringen, die oft aber auch nicht eindeutig ausfallen.
Als potentielle Allergene gelten bei den tierischen Nahrungsmitteln: Kuhmilch, Hühnereier, Fleisch, Innereien und vor allem auch Schalentiere und Fische. Unter den pflanzlichen Nahrungsmitteln sind sämtliche Nussarten (einschl. der Erdnüsse), Sesam, Sellerie, Fenchel, Karotten und Hülsenfrüchte besonders stark Allergie auslösend. Auch Mohn, Sonnenblumenkerne, Mandeln, Zitrus- und Beerenfrüchte, Stein- und Kernobst, Getreide, Mais, Paprika und andere Gewürze sind bekannte Allergene. Beim Essen in Restaurants, beim Genuss von Fertiggerichten aus der Tiefkühltruhe oder aus Konserven ist Vorsicht geboten, weil Emulgatoren, Gewürzmischungen, Farb- und Geschmacksverstärker oft nicht einzeln benannt und so nicht als Allergene erkennbar sind. Für die an Neurodermitis leidenden Menschen gilt jedoch, dass eine Diät allein die Krankheit nicht besiegt, sondern immer viele Faktoren, insbesondere auch eine psychische Stabilisierung, zusammenkommen müssen, um die Symptomatik einzudämmen.

 

 

LITERATURHINWEISE

 

Prof. Dr. Dr. S.Borelli, Prof. Dr. J. Rakoski: Neurodermitis
Falken - Verlag
Niedernhausen
ISBN 3-8068-1649-2

 

Dr. R. Szcepanski, M. Schon, Dr. Th. Lob-Corzilius: Das juckt uns nicht!
Ein Lern- und Lesebuch für Kinder mit Neurodermitis und ihre Eltern
TRIAS - Verlag
Stuttgart
ISBN 3-89373-270-5

 

Dr. R. K. Achenbach: Neurodermitis behandeln und positiv beeinflussen
TRIAS - Verlag
Stuttgart
ISBN 3-89373-714-6

 

 

KONTAKTADRESSEN

 

Bundesverband Neurodermitiskranker in Deutschland e.V.
Oberstr. 171
56135 Boppard
Tel.:06742/ 2598
Fax:06742/ 2795

 

Deutscher Neurodermitiker Bund e.V.
Mozartstr. 11
22083 Hamburg
Tel.: 040 / 2205757 und 2277091
Fax: 040/ 2273494

 

Allergie- und umweltkrankes Kind e.V.
Westerholter Str.142
45892 Gelsenkirchen
Tel.: 0209/ 30530

 

Arbeitsgemeinschaft Allergiekrankes Kind e.V.
Hilfen für Kinder mit Asthma
Ekzem oder Heuschnupfen
Hauptstr. 29
55758 Herborn
Tel.: 02772/ 28730
Fax: 02772/928748

 

Deutsche Haut- und Allergiehilfe e.V.
Fontanestr. 14
53173 Bonn
Tel.: 0228/ 351091
Fax: 0228/ 363743

 

Deutscher Allergie- und Asthmabund e.V.
Hindenburgstr. 110
41061 Mönchengladbach
Tel.: 02161/ 183024 bis 26
Beratungstel.: 02161/10207
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Dr. med. Markus Reuland
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