Wachstumsstörungen - Kleinwuchs/Großwuchs

Heute werden die Menschen 8 - 10 cm größer als vor 100 Jahren. Viele Faktoren sind hierfür verantwortlich. Die ausgewogenere Ernährung, die Bekämpfung von schweren Infektionskrankheiten durch eine Vielzahl von Impfungen und Vorbeugemaßnahmen, die besseren hygienischen Verhältnisse und Lebensbedingungen allgemein, aber auch der medizinische Fortschritt mit genaueren diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten seien hier besonders erwähnt.
Trotzdem kann es Störungen in der körperlichen Entwicklung eines Kindes geben. Manche fallen nicht immer sofort auf. Deshalb sind viele Eltern und Betreuer beunruhigt und z.T. auch verunsichert, wenn das Kind nicht den Wachstumsschub wie seine Altersgenossen macht oder aber viel schneller wächst als die anderen. In beiden Fällen sollte man frühzeitig zum Kinderarzt gehen, um den individuellen Entwicklungsprozess des Kindes untersuchen und eine eventuell vorliegende Störung rechtzeitig behandeln zu lassen. Für die meisten Eltern kommt aber zum Glück nach einer solchen Untersuchung das beruhigende Ergebnis, dass keine schlimme Erkrankung vorliegt. Bei vielen vergleichsweise kleinen Kindern handelt es sich um "Spätentwickler", bei denen der Wachstums- und Pubertätsschub etwas später einsetzt, die Körpergröße im Erwachsenenalter aber normal sein wird. Die Größe der Eltern und Verwandten spielt natürlich auch eine entscheidende Rolle. Ähnliches gilt, wenn ein Kind und Jugendlicher zu groß ist für sein Alter. Auch hier ist eine behandlungsbedürftige Störung selten.

 

 

ALLGEMEINES

 

Normalerweise wächst der Mensch bis zum 25. Lebensjahr. Ungefähr 5 Jahre behält er dann diese Größe, bevor der natürliche Alterungs- und Abbauprozess des Körpers ihn einholt und ganz langsam, fast unmerklich, kleiner werden lässt. Hierfür ist besonders der Flüssigkeits- und Höhenverlust der Bandscheiben zwischen den einzelnen Wirbeln der Wirbelsäule verantwortlich. Bei der Körpergröße, die ein Mensch als Erwachsener erreicht, spielt die Veranlagung eine ganz entscheidende Rolle. Die Lebensumstände und Umwelteinflüsse prägen zusätzlich und können sogar dazu führen, dass das Kind kleiner bleibt, als in seinen Erbanlagen verankert. Ist die Nahrung nicht ausgewogen und z.B. über einen längeren Zeitraum zu arm an Eiweiß, Mineralstoffen und Vitaminen, so hat dies Einfluss auf das Körperwachstum. Eine Unterernährung bewirkt natürlich ähnliche Effekte. Vorsicht ist für Vegetarier geboten! Auch nach neuesten Empfehlungen der Ernährungsfachleute sollten sie ihren Kindern Fleischmahlzeiten nicht vorenthalten, weil der wachsende Organismus diese Lieferanten von tierischem Eiweiß für eine gesunde Entwicklung dringend braucht. Chronische Krankheiten im Jugendalter, wie etwa Herzfehler, Asthma, Magen-, Darm oder Nierenerkrankungen können das Wachstum stark beeinträchtigen. Nicht selten ist die sogenannte Zöliakie verantwortlich. Es handelt sich hier um ein familiäres Leiden, bei dem das Klebereiweiß in Roggen, Weizen, Hafer und Gerste zu einer Schädigung der Dünndarmschleimhaut führt. Die Aufnahme wichtiger Nährstoffe aus dem Nahrungsbrei in den Blutkreislauf wird gestört, ebenso die Verdauungsleistung insgesamt. Folge ist eine Wachstumsstörung des Kindes. Meist beginnt diese Erkrankung im zweiten Lebensjahr. Aber durch eine Diät mit Vermeidung der entsprechenden Getreidesorten in Mehl- und Backwaren entwickelt sich das betroffene Kind ganz normal. Reis, Mais und Johannisbrotkerne sind alternativ erlaubt. Die Früherkennung ist wichtig. Die Schilddrüse übernimmt eine zentrale Funktion beim Körperwachstum, weil sie mit ihren Hormonen alle Stoffwechselprozesse ankurbelt. Deshalb überprüft der Kinderarzt bereits bei den ersten Vorsorgeuntersuchungen direkt nach der Geburt, ob die Schilddrüse richtig arbeitet. Wird ein Hormonmangel festgestellt und durch Hormone ausgeglichen, nimmt das Kind eine normale körperliche und geistige Entwicklung. Regelmäßige ärztliche Kontrollen sind hier jedoch unerlässlich. Ganz selten ist eine Fehlanlage oder Fehlfunktion der Keimdrüsen dafür verantwortlich, dass ein Kind nicht altersentsprechend wächst und in der Pubertät keine normale Entwicklung nimmt. Bei der körperlichen Entwicklung kommt dem sogenannten Wachstumshormon, das in der Hirnanhangsdrüse (med. Hypophyse) gebildet wird, eine entscheidende Bedeutung zu. Wenn das Hormon nicht in ausreichender Menge produziert wird, so bleibt der Betroffene zu klein; schüttet die Drüse zuviel Hormon aus, so resultiert ein überschießendes Körperwachstum, ein Großwuchs. Entwickelt sich eine Störung der Arbeitsweise des Hypophysenvorderlappens erst im Laufe des Lebens, wenn die Wachstumsfugen der Knochen bereits geschlossen sind, dann macht sich ein Hormonmangel weniger bemerkbar als ein Hormonüberschuss: hier verändern sich die Spitzen der Knochen. Hände und Füße werden größer, das Kinn springt vor, Stirnhöcker und Nase treten weiter vor. Das Wachstumshormon (medizinisch als somatotropes Hormon = STH oder als human groth hormone = HCG bezeichnet) wird normalerweise in ausreichender Menge in den Körperkreislauf abgegeben. Erst wenn die Hypophyse geschädigt ist, produziert sie nicht mehr genug HCG. Hier können Probleme während der Geburt, Sauerstoffmangel durch eine kurzzeitige Durchblutungsstörungen dieses Gehirnteils oder aber eine Infektion verantwortlich sein. Weil das Wachstum gestört ist, bleiben die Kinder kleiner, haben aber normale Körperproportionen. Ein tatsächlicher Hormonmangel besteht aber nur sehr selten. Ist er nachgewiesen durch die üblichen Untersuchungsverfahren (Körpergröße, Knochenalterbestimmung am Handskelett, Hormonspiegelbestimmung im Blut, evt. Computertomographie oder Kernspintomographie zur bildlichen Darstellung der Hirnanhangdrüse und ihrer Umgebung), so muss das Hormon medikamentös ersetzt werden. Heute kann das HCG gentechnisch hergestellt werden und steht daher in ausreichender Menge für alle Betroffenen zur Verfügung. Bei einer vermehrten Hormonbildung resultiert ein Großwuchs, der ebenfalls behandelt werden kann. Hier ist man jedoch sehr zurückhaltend. Der seltene Fall, dass ein Tumor im Bereich der Hypophyse die Hormonproduktion unterdrückt oder steigert, sei hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt. Das Körperwachstum würde auf diese Weise gebremst bis hin zu Kleinwuchs oder aber beschleunigt mit resultierendem Riesenwuchs.

 

 

WANN UND ZU WELCHEM ZEITPUNKT MUSS MAN BEHANDELN?

 

Die meisten Wachstumsstörungen zeichnen sich spätestens nach dem 2. - 4. Lebensjahr ab, so dass sie mit den ersten Routineuntersuchungen des Kinderarztes (U1 - U9) bereits erfasst werden. Deshalb ist die regelmäßige Wahrnehmung dieser Vorsorgetermine so wichtig. Auch chronische, das Wachstum beeinflussende Erkrankungen nehmen häufig schon in den ersten Lebensjahren ihren Anfang, wenn sie nicht ohnehin angeboren sind. Erfolgt dann eine konsequente und effektive Therapie, so sind die Einflüsse auf den Wachstumsprozess minimal. Die Grundschulzeit ist eine entscheidende Phase, in der die Eltern auf die Entwicklung ihrer Kinder besonders achten sollten. Der Kinderarzt sieht sie jetzt ja nur noch selten, wenn überhaupt. Haben die Eltern den Verdacht, dass ihr Kind in der Entwicklung verzögert ist, weil es kleiner als seine gleichaltrigen Freunde ist, so sollten sie frühzeitig Ihren Kinderarzt aufsuchen und um Rat fragen. Er wird nach der körperlichen Untersuchung abklären, ob das Kind aufgrund seiner familiären Erbanlagen kleiner ist als die Klassenkameraden (ohne dass es sich hier um eine Krankheit handelt), oder ob das Kind zu den vielen Spätentwicklern gehört, die ihren Wachstumsschub später bekommen, aber auf Dauer eine normale körperliche Entwicklung nehmen. Das ist der größte Teil der Betroffenen. Versteckte Krankheiten, Hormon- und Stoffwechselstörungen sowie Fehlfunktionen der Keimdrüsen werden ebenfalls ausgeschlossen. Eine tatsächliche Wachstumsstörung liegt vor, wenn das Kind weniger als

2 - 3 cm im Jahr wächst und bei der Skelettreifebestimmung um mehr als drei Jahre zurückliegt. Ist der STH-Spiegel beim Bluttest eindeutig erniedrigt, muss therapiert werden. In diesem Falle wäre es falsch, abzuwarten und darauf zu vertrauen, dass sich die Probleme "mit der Pubertät verwachsen", wie es im Volksmund heißt. Bei einem nachgewiesenen Hormonmangel ist das richtige Behandlungsalter die Grundschulzeit. Aber auch später kann durch eine Hormontherapie Einiges bewirkt werden. Beim Großwuchs ist es genauso wichtig, rechtzeitig eine Beratung einzuholen, am besten auch zur Grundschulzeit. "Hormontherapie" bedeutet hier die Gabe von Geschlechtshormonen, damit sich die Wachstumsfugen der Knochen vorzeitig schließen und das Längenwachstum gestoppt wird. Dies heißt aber auch, dass man das Kind/den Heranwachsenden vorzeitig in die Pubertät versetzt, was zu andersgearteten Problemen führt. Deshalb wird eine solche Hormonbehandlung nur sehr zurückhaltend von den Ärzten eingeleitet. Erst wenn sich nach der Knochenalterbestimmung und Skelettanalyse die Prognose ergibt, dass das betreffende Mädchen eine Größe von mehr als 186 cm und der Junge eine Körperlänge von mehr als 200cm erreichen würde, wird eine Behandlung in Erwägung gezogen. Ein "Muss" zur Therapie besteht jedoch nicht. Der zweite Gesichtspunkt ist der Zeitpunkt des Therapiebeginns. Um effektiv zu sein, muss bei einem Mädchen vor dem 13. Lebensjahr mit der Hormongabe begonnen werden, beim Jungen bis zum 14. Lebensjahr. Was ist zu erwarten? Man kann dann die Differenz zwischen der aktiven, zur Zeit bestehenden Körperlänge und der prognostizierten um ca. 30 - 40 % reduzieren. Die endokrinologisch tätigen Kinderärzte (das sind die Hormonspezialisten) halten es für ratsam, Für und Wider einer solchen Therapie genau abzuwägen und auf jeden Fall erst mit ihr zu beginnen, wenn die Pubertät beim Kind gerade eingesetzt hat, damit diese dann nur noch vorangetrieben, aber nicht vorzeitig eingeleitet wird.

 

 

AN WEN KANN MAN SICH WENDEN ?

 

Ansprechpartner sind in erster Linie die behandelnden Kinderärzte, die auch die Routineuntersuchungen durchführen und die Betreuung des kleinen Patienten im Krankheitsfall übernehmen. Neu eingeführt wurden in den letzten Jahren weitere Vorsorgeuntersuchung, U10 bis J2, die als jugendmedizinische Untersuchungen den bisherigen Entwicklungsprozess einschließlich der Pubertätsentwicklung überprüfen soll. Die Kinderärzte sind ja auch Jugendmediziner. Der Vorteil dieser Vorsorgeuntersuchungen ist, dass der vertraute Arzt beim Heranwachsenden etwaige Entwicklungsstörungen erkennt und noch behandelt, dem Jugendlichen dann aber den Weg zu anderen Ärzten, die weiter für ihn zuständig sind, bahnt. Gleichzeitig steht der Arzt dem Jugendlichen für alle Fragen zur Verfügung, die er in bezug auf seine körperliche Entwicklung hat. Bei der J1 und J2 sind auch eine Sexual- und Drogenberatung mit eingeschlossen. Der Vorteil liegt im meist vertrauten Verhältnis von Arzt und Patient in dieser schwierigen Lebensphase. Auch Ängste und Bedenken der Eltern können hier zur Sprache kommen und geklärt werden. Deshalb sollte die Chance der regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen auch im Jugendalter nach Möglichkeit von allen genutzt werden. Besteht der Verdacht auf eine Wachstumsstörung, so gibt es Fachleute, die die Beratung und Behandlung übernehmen. Man findet sie in sog. "Wachstumssprechstunden" oder "Endokrinologischen Ambulanzen" von Kinderkliniken. Einige niedergelassene Kinderärzte haben sich ebenfalls auf dieses Gebiet spezialisiert. Ihr Arzt wird Ihnen raten können, an wen Sie sich in ihrer Umgebung am besten wenden .

 

 

LITERATURHINWEISE

 

Es gibt Ratgeber zu verschiedenen Formen des Klein- und Großwuchses, die über die unten genannten Betroffenen - Organisationen zu beziehen sind und anschaulich Ursachen, Probleme und Behandlungsmöglichkeiten der zugrundeliegenden Erkrankungen erklären.

 

 

KONTAKTADRESSEN

 

Bundesverband Kleinwüchsige Menschen und ihre Familien e. V. (BKMF)

Hillmannplatz 6
28195 Bremen
Tel.: 0421 / 502122 od. 507873
Fax: 0421/ 505752
info@bkmf.de
URL : www.bkmf.de

 

Landesverband NRW kleinwüchsiger Menschen und ihre Familien

Lenzholzer Str. 101a
51515 Kürten-Miebach
Tel. + Fax: 02207 / 25 07

 

Verein Kleinwüchsiger Menschen e.V.
Bezirk NRW
Butterkamp 7
33605 Bielefeld
Tel.: 0521/ 286636

 

Arbeitskreis kleinwüchsiger Erwachseneim BKMF
Markus Zander
Schönaustraße 8
40625 Düsseldorf
Telefon: 0211/28 80 823 oder 0211/28 80 800
Fax: 0211 / 28 80 811

 

Club der langen Menschen e.V.
Mecklenburger Str. 58
65824 Schwalbach - Linnes
Tel.: 06196 / 3163

Wir sind für Sie da:

Dr. med. Markus Reuland
Weiser Str. 37
56566 Neuwied

Telefon: 02622 6336 02622 6336

E-Mail: praxis@dr-reuland.de

 

 

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